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Körperbilder und Body Shaming – wie wir unsere Kinder stark machen können

Wir sind mitten in der Fastenzeit – und bis zum Sommer bleiben nur noch wenige Monate. Da denkt die eine oder andere Frau natürlich längst an ihre Bikini-Figur und nutzt die sieben Wochen „ohne“ dafür, ein paar Kilo loszuwerden. In unserer Kultur ist es so wichtig, wie wir aussehen, dass wir dem „Ideal“ entsprechen, besonders für Mädchen und Frauen. Schlank sollen wir sein, dabei trotzdem irgendwie weiblich, mit ebenmäßiger Haut und harmonischen Proportionen…

Neulich habe ich erfahren, dass auch Babys schon ein „Idealgewicht“ haben können – zumindest wies der Kinderarzt die Mutter des kleinen Mädchens darauf hin, dass dies „eine Frau doch sicher freut“. Das hat mich, ehrlich gesagt, ein bisschen schockiert.

Natürlich ist es ernstzunehmen, wenn kleine Kinder an Unter- oder Übergewicht leiden, aber für das sogenannte Normalgewicht gibt es doch eine ziemliche Spanne, in der ein Kind sich bewegen und darin gesund sein kann.

Meine Tochter ist noch keine sechs Jahre alt und doch sind ihre Figur und ihr Gewicht bereits Thema – nicht bei uns zu Hause, aber durchaus in unserem familiären Umfeld. Es wird lobend bemerkt, wie „schlank“ sie doch sei. Nicht genug damit: Die Kinder werden verglichen – das eine ist rank und schlank, das andere sei „kräftig“. Geschwister werden nebeneinander gestellt und dann auch noch mit den Cousinen gemessen… und das alles nicht wertneutral.

Solche Gespräche lassen mein Herz sofort höher schlagen, auf sehr unangenehme Weise. Erinnerungen kommen in mir hoch – wie mir von meinem Großvater gesagt wurde, ich solle nicht so viel essen. Von anderen Verwandten, die mich mit meiner (schlankeren) Schwester verglichen. Kommentare über meinen Hintern, oder dieser Satz: „Du hast so schöne schlanke Finger – die passen gar nicht zum Rest deines Körpers!“ Die meisten Kommentare waren sicher nicht böse gemeint und einfach ziemlich gedankenlos daher gesagt. Trotzdem erinnere ich mich voller Scham an jeden einzelnen von ihnen. Sie haben in mir das Gefühl geprägt, so wie ich bin, nicht in Ordnung zu sein, nicht ins Schema zu passen.

Wenn ich mir Fotos aus meiner Kindheit anschaue, sehe ich gar keinen „dicken“ Hintern. Ich sehe kein „kräftiges“ Kind (zumindest nicht, wenn man damit „stämmig“ meint – ich war und bin „kräftig“ im Sinn von „gesund“!). Ich sehe ein ruhiges, meistens glückliches, ziemlich “normales”  Mädchen mit langen Beinen, das gerne Fahrrad und Inliner fuhr, das viel mit seinen Geschwistern draußen spielte, auch Fußball… Ich war nie eine Sportskanone, aber bis zur Pubertät habe ich mich gern und viel bewegt. Bis die ganzen Kommentare und Sätze begannen, in mir zu wirken.

Dieses Kommentieren der Körperform und des Gewichts beginnt tatsächlich schon im Säuglingsalter. Ständig wird darüber geredet, ob ein Baby nicht zu viel oder zu wenig trinkt, ob es „propper“ oder gar „speckig“ ist oder „schlank“. Und in den meisten Fällen geht eine eindeutige Wertung damit einher: Dünn ist gut, dick ist schlecht. Und wir sprechen hier von Babys! Die vielleicht einzigen Menschen, die vollkommen mit sich selbst und ihrem Aussehen im Reinen sind; die dann trinken, wenn sie hungrig sind und dann auch nur so viel, wie sie brauchen. Und doch wird bereits in diesem zarten Alter damit begonnen, ihnen das auszutreiben: „Leg dein Kind nicht schon wieder an, es hat doch gerade erst getrunken“ oder andersherum: „Gibt deinem Kind endlich was zu trinken, es ist doch sicher hungrig!“, wenn das Baby schreit (ganz egal, ob es einfach nur auf den Arm genommen werden möchte oder Bauchschmerzen hat – Essen bzw. Trinken ist immer die Lösung).

Und so geht es dann weiter, in der Kindheit, in der Pubertät, im Erwachsenenalter… ständig werden Kommentare über Essverhalten, Körperform und Gewicht gemacht. Die meisten davon sind natürlich „nur gut gemeint“, was aber leider nicht bedeutet, dass sie dabei nicht verletzend und grenzüberschreitend und teilweise verheerend wären.

Ich finde das problematisch für alle, die – in welcher Form auch immer – nicht dem propagierten Schönheitsideal entsprechen. Und das sind, wenn wir mal ehrlich sind, die meisten Menschen. Wenn man die eigene Körperform in keinem Magazin, auf keiner Werbetafel, in keinem Film in der Hauptrolle wiederfindet, dann fängt man an, an sich zu zweifeln. Erst recht, wenn einem von klein auf gespiegelt wird, dass man nicht ganz „richtig“ ist, so wie man eben aussieht.

Ich finde es aber auch problematisch für die, die dem Schönheitsideal entsprechen! Meine Tochter ist blond und tatsächlich schlank, hat ein hübsches Gesicht, schöne, weiße Zähne – und ist noch so unendlich viel mehr als das! Ich möchte nicht, dass sie sich über ihr Aussehen definiert, dass sie glaubt, nur dann etwas wert zu sein, wenn sie hübsch und schlank bleibt! Meine Tochter ist sportlich und unglaublich mutig beim Klettern, sie hat viel Fantasie und saugt Informationen auf wie ein Schwamm, sie ist sensibel und fürsorglich und hilfsbereit. Ich wünsche mir, dass sie sich dieses natürliche und gesunde Verhältnis zu ihrem eigenen Körper und zum Essen ihr ganzes Leben bewahren kann!

Wenn in unserem Umfeld Kommentare zu dem Körperbau und dem Gewicht meiner Kinder gemacht werden, spüre ich sofort, wie mein Körper sich anspannt. Ich möchte nicht, dass meine Kinder das hören; dass sie mitbekommen, wie sie verglichen und beurteilt werden. Bisher scheinen sie sich daraus nicht viel zu machen, oft hören sie es (glaube ich) gar nicht, was über sie geredet wird. Aber der Moment wird kommen, und ich mache mir manchmal Sorgen darum, was das dann mit ihnen machen wird…

Ich denke an ein neunjähriges Mädchen, so klug und lustig und aktiv, das mir sagte, es müsse abnehmen. Sie erzählte mir von Sätzen, die ihre Großmutter zu ihr gesagt hatte, und mir wurde schlecht. Ich wollte diese Sätze aus ihrem Gedächtnis reißen und sie ungesagt machen – stattdessen musste ich erleben, wie sie bereits ihre toxische Wirkung im Leben dieses Kindes entfalteten. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ein einziger negativer Satz so viel tiefer geht und länger nachhallt als noch so viele Komplimente.

Es ist sicher unmöglich, dass meine Kinder von derartigen Äußerungen verschont bleiben. Ich kann versuchen, meine Mitmenschen dafür zu sensibilisieren; ich kann Freunde und Familienmitglieder bitten, über dieses Thema nicht vor den Kindern zu sprechen. Aber meine Möglichkeiten sind extrem eingeschränkt.

Was ich tun kann, ist dies: Meine Kinder stärken.

Erstens, indem ich ihnen helfe, einen gesunden, ungezwungenen Umgang mit Lebensmitteln und Essen im Allgemeinen zu leben. Sie sollen essen können, was sie möchten und was ihnen gut tut – weil sie die Signale ihres Körpers kennen; weil sie essen, um ihren Hunger zu stillen und nicht, um sich zu trösten oder zu belohnen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder ihr Essen wirklich genießen können und gut zu sich selbst sind. Das ist etwas, das mir persönlich sehr schwer fällt und das ich Stück für Stück lernen will und muss.

Folgende Punkte versuchen wir, in unserer Familie umzusetzen:

  • Ich zwinge und überrede meine Kinder nicht, ihren Teller leerzuessen. Wenn sie satt sind, sollen sie aufhören dürfen zu essen – damit sie ihr natürliches Sättigungsgefühl nicht verlieren.
  • Ich verbiete meinen Kindern nicht bestimmte Lebensmittel, weil diese „dick“ machen. Über diese Kategorie sprechen wir gar nicht. Vielmehr geht es darum, welche Lebensmittel für den Körper gesund, nährend und wertvoll sind und welche weniger. Süßigkeiten dürfen sie nur in Maßen genießen – weil sie für die Zähne nicht gesund sind und weil der Körper sie letztlich nicht braucht.
  • Bei uns gibt es keine Lebensmittel/Süßigkeiten als Trost oder zur Belohnung.
  • Wir bewegen uns, weil es unseren Körpern guttut und Gott uns dafür geschaffen hat – und nicht, weil wir abnehmen möchten. Sport soll Spaß machen und nicht zum Mittel werden, (teils fragwürdige) gesellschaftliche Normen zu erfüllen.
  • Ich spreche vor meinen Kindern nicht über das Thema „Abnehmen“. Wenn ich einmal nichts oder nur wenig esse, dann erkläre ich ihnen entweder, dass ich schon satt bin oder dass ich gerade einfach nicht mehr essen möchte. Aber Diäten oder dergleichen thematisiere ich nicht, weil ich überhaupt keinen Nutzen für die beiden darin sehe (und für mich selbst auch nicht).

Zweitens möchten wir unseren Kindern vermitteln, dass ihr Wert nicht davon abhängt, welche Zahl die Waage anzeigt. Sie sollen sich selbst und auch ihre Mitmenschen nicht darauf reduzieren, wie sie aussehen. Der menschliche Körper ist nicht dazu da, dass andere ihn schön finden! Unsere Beine, unsere Arme, unser Bauch – jedes Körperteil hat bestimmte Funktionen, und es ist toll, seinen Körper zu nutzen, um alle möglichen Dinge zu tun! Gott hat jedem von uns einen Körper geschenkt und uns alle wunderbar gemacht. Damit geht von unserer Seite auch die Verantwortung einher, liebevoll und fürsorglich mit unserem Körper umzugehen.

Diese Punkte sind uns dabei wichtig:

  • Jeder Mensch ist ein von Gott geschaffenes Meisterwerk! Jeder und jede von uns ist einzigartig und wunderbar geschaffen und Gott spricht Gutes über uns aus! Diese Wahrheit prägt unser Menschenbild; darin liegt unser Wert begründet. Das sagen wir unseren Kindern und erinnern sie immer wieder daran: Gott hat dich so toll gemacht! Er findet dich einfach nur schön und Er freut sich über dich.
  • Wir feiern die Vielfältigkeit der Körper und dass Gott uns alle unterschiedlich gemacht hat: Menschen mit dunkler und heller Haut, mit glatten und gelockten Haaren, mit Sommersprossen oder ohne, groß und klein, Feen-gleich und Elefanten-stark… Schönheit liegt in der Vielfalt, im scheinbar Unperfekten, in der Natürlichkeit – und sie kommt von innen! Wenn die Kinder mich auf besondere Körpermerkmale eines Menschen hinweisen, dann tun sie das eigentlich nie wertend – und dementsprechend neutral bis wertschätzend reagiere ich darauf.
  • Ich spreche vor meinen Kindern nicht negativ oder abschätzend über meinen eigenen Körper. Das ist nicht immer einfach, aber ich glaube, dass es so wichtig ist! Ich kann meiner Tochter nur helfen, sich selbst zu mögen, wenn ich ihr vorlebe, wie ich mich selbst mag und annehme. Wenn ich zu mir selbst und meinem Körper freundlich und wertschätzend bin, legt das ein solides Fundament dafür, wie sie mit ihrem Körper umgehen wird.
  • Das gilt natürlich auch für unseren Umgang mit anderen Menschen: Wir lästern nicht über das Aussehen anderer und machen uns nicht darüber lustig, wenn jemand dick, unsportlich oder was auch immer ist. An sich sollte dieser Punkt selbstverständlich sein – er ist es aber leider nicht…
  • Wenn meine Kinder zu mir sagen, dass ich „weich“ oder „dick“ bin, dann reagiere ich darauf nicht verletzt oder beleidigt, sondern nehme das Kompliment (als das ist es nämlich gemeint) an und freue mich, dass sie so gern mit mir kuscheln. [Das ist der Idealzustand; in Wirklichkeit habe ich schon ein bisschen daran zu knapsen…]
  • Bei uns im Haushalt gibt es keine Zeitschriften, in denen es um Diäten, Stars und Models geht. Ich weiß nicht, wie die Sache sich entwickelt, wenn meine Tochter ins Teenageralter kommt, aber momentan würde ich sagen, dass Formate wie „Germany’s next topmodel“ bei uns tabu sein werden – aus gutem Grund! Wir achten darauf, welche Filme, Serien, CDs und Bücher unsere Kinder konsumieren und dass es dabei nicht primär um oberflächliche Themen oder Eigenschaften geht (auch das ist im Alter unserer Kinder sicherlich noch relativ einfach…).
  • Ich sage meiner Tochter, dass ich sie hübsch finde. Aber ich mache ihr auch noch viele andere Komplimente, die nichts mit ihrem Aussehen zu tun haben: Du bist klug. Ich schau dir gerne zu, wie du malst. Ich freue mich, dass du dich getraut hast! Danke, dass du dich um deinen Bruder gekümmert hast, als er geweint hat. Ich mag deine Umarmungen. Es ist toll, wie schnell du mit deinen Beinen rennen kannst! Und ich spreche ihr zu, dass Gott sie liebt. Seine Liebe ist bedingungslos und hat rein gar nichts damit zu tun, wie wir aussehen, was wir können oder haben.

Es ist natürlich nicht so, dass wir alle diese Gedanken perfekt umsetzen (genauso wenig, wie diese Ansätze perfekt sind)! Aber wir bemühen uns darum, ihnen immer mehr gerecht zu werden. Ich denke, das Wichtigste ist, sich dieser Thematik bewusst zu sein und sensibel, aber bestimmt damit umzugehen.  Denn ich wünsche mir für meine Tochter und für alle Mädchen in Deutschland und der Welt, dass sie frei von Body shaming aufwachsen und aufblühen können! Dass sie wissen, wie sehr sie geliebt sind, völlig unabhängig von ihrer Kleidergröße, ihrer Hautfarbe, ihrem Gewicht, ihrer Nasenform…! Dass ihr Wert nicht davon abhängt, ob sie so aussehen wie die Models im Fernsehen. Dass sie ihre eigene Schönheit, die Gott in sie hineingelegt hat, erstrahlen lassen und feiern können.

Es gäbe noch so viel zu diesem Thema zu sagen – und gerade deshalb interessiert mich eure Meinung! Bitte schreibt mir einen Kommentar oder gerne auch eine Mail mit euren eigenen Erfahrungen und wie ihr in euren Familien damit umgeht.

Ich bin gespannt darauf, eure Gedanken zu hören!

Ein Kommentar

  • Almut

    Das ist ganz wunderbar geschrieben! Du sprichst mir aus der Seele…
    Ich kenne von früher eher das andere Extrem “Kind, jetzt iss doch was!” – zum Glück nie von meinen Eltern (Gott sei Dank!) – “du bist zu dünn!”
    Und tatsächlich habe ich erst vor einiger Zeit von meiner gerade-noch-Teenager-Tochter gelernt, weder mich noch andere zu be-urteilen. Das war mir nie so bewusst.
    Was für ein Geschenk, wenn man selber von den eigenen Kindern lernen kann!

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