Familie,  Gedanken,  Gesellschaft,  Hochsensibel,  Leben mit Kindern

Ein Plädoyer für die Freundlichkeit

Wir fahren viel und gerne mit dem Fahrrad. Zur Schule, zum Einkaufen, zum Gottesdienst – wenn das Wetter es zulässt, fahren wir mit dem Fahrrad. Auch unsere Kinder. Mittlerweile ist auch unser “Kleiner” so groß, dass er selbst fahren kann und nicht mehr im Fahrradanhänger sitzt. Meinen Mann freut’s.

Wir fahren aus Überzeugung, weil es auf kurzen bis mittleren Strecken oft am schnellsten ist, und weil es uns Spaß macht.

Und wir halten uns, so gut es uns möglich ist, an die Regeln. Die Kinder tragen ihre Fahrradhelme und haben Reflektoren und große Wimpel an ihren Rädern. Wir bemühen uns, unseren Kindern ein rücksichtsvolles und vorausschauendes Verhalten im Straßenverkehr vorzuleben. Wir steigen ab, um an der Ampel die Straße zu überqueren, wir geben Handzeichen, klingeln rechtzeitig… und wir fahren auf dem Gehweg, wenn es keinen “baulich von der Fahrbahn abgetrennten Radweg” gibt. Weil unsere Kinder unter acht Jahre alt sind und ein Elternteil sie dort begleiten darf.

So weit, so gut.

Mit der Zeit machte mir das Fahrradfahren immer weniger Spaß. Teilweise hatte ich fast Angst davor. Ich fühlte mehr und mehr Anspannung in mir.

Der Grund: Wir wurden fast bei jeder Fahrt von (meistens) Fußgängern kritisiert. Es gab ständig Kommentare über alles mögliche. Das meiste bekam ich nur am Rande mit, weil wir ja mit dem Fahrrad an den Kommentar-Gebern vorbeifuhren. Leute machten keinen Zentimeter Platz für die Kinder, riefen mir Sätze hinterher, meinten, wir seien schlechte Vorbilder. Rücksichtnahme in vielen Fällen – Fehlanzeige.

Mir wäre es auch am liebsten, es gäbe überall (gut befahrbare) Fahrradwege, auf denen man sicher und von den Fußgängern getrennt unterwegs sein kann. Leider ist dies oft nicht der Fall und wir sind gezwungen, auf den Gehweg auszuweichen. Das mag für Fußgänger nicht optimal sein – für uns ist es das auch nicht. Gerade deshalb bemühen wir uns aber um einen vorsichtigen, höflichen Fahrstil.

Natürlich können sich unsere 6 und fast 5-jährigen Kinder im Straßenverkehr noch nicht “perfekt” verhalten; es kommt vor, dass sie mal  unsicher sind und auf der falschen Seite überholen, dass sie zu nah auffahren… aber welcher Erwachsene hält sich bitte immer an die Regeln? Wer kann von sich behaupten, “fehlerfrei” zu fahren?

Warum gibt es so wenig Verständnis für Kinder (und deren Eltern), warum wird von den Kindern Rücksichtnahme verlangt und ihnen im Gegenzug keine entgegengebracht? Warum ist der Ton so rau? Warum maßen sich völlig Fremde ein Urteil über mich und meinen Erziehungsstil an? Warum muss ich das Tag für Tag ertragen?

Es hat mich wirklich fertig gemacht.

Teilweise habe ich sogar geweint.

Weil ich weiß, dass das nur der Anfang ist.

Die erste Stufe.

Ich will mich dem nicht mehr aussetzen.

Ich verstehe, warum so viele sich in ihrem eigenen Auto verschanzen und möglichst wenig mit anderen zu tun haben wollen.

Und ich plante, dem nächsten, der sich so verhielt, die Meinung zu geigen. Abzusteigen und … Ich war so wütend! So enttäuscht und hilflos. Bin ich wirklich so ein schlechtes Vorbild, machen wir das wirklich “alles” falsch? Ich nehme mir diese ganzen Kommentare tatsächlich zu Herzen. Das ist den Leuten, von denen sie kommen, wahrscheinlich klar. Sie machen was mit mir.

Und es geht nicht nur mir so. Ich höre es von vielen Eltern, die über Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr und über unmögliche Kommentare und unerwünschte “Erziehungstipps” schimpfen. Der Ton in unserer Gesellschaft wird rauer – diese Beobachtung machen viele. Im Netz und auch im wirklichen Leben.

Es geht nicht nur Fahrradfahrern so. (Die verhalten sich auch oft genug so, als würden die Regeln nur den anderen gelten, ich weiß.) Wir erleben es ebenso im Bus und in der S-Bahn, eigentlich überall im öffentlichen Raum. Nicht immer sind wir selbst betroffen – aber wir bekommen es mit, wenn Leute aneinander geraten, drängeln, schubsen, beschimpfen, lautstark Dankbarkeit einfordern, wo andere es selbstverständlich finden, dass man Platz macht… Ich erlebe, wie Frauen Männer wüst beschimpfen und Männer kurz davor sind, Frauen zu schlagen. Ja, auch das ist Berlin… auch das ist unsere Realität.

Ich muss mir ein dickeres Fell zulegen, endlich, das alles an mir abprallen lassen, überlegte ich. Und fürchtete gleichzeitig, dadurch unnahbar, kalt, gleichgültig und egoistisch zu werden. Ich möchte doch gar nicht so sein, wie die Menschen, die mir gegenüber so hart reagieren.

Als wir am letzten Sonntagmorgen zum Gottesdienst fuhren, nahm ich mir etwas vor: Ich würde zu allen Menschen, die mir unterwegs begegneten, besonders freundlich sein. Ich würde lächeln und einen “guten Tag” wünschen, ich würde mich bei jedem, der auch nur 1cm zur Seite rückte, “vielen Dank” sagen, ganz unironisch.

An diesem Tag waren viele Menschen unterwegs.

Keiner von ihnen pöbelte mich an.

Die meisten grüßten zurück und manch einer lächelte sogar dabei.

Sie machten ein kleines bisschen Platz auf “ihrem” Weg und es war gar nicht schlimm.

Wow.

Freundlichkeit kann Wunder wirken.

Sie kann vor Verletzungen schützen.

Sie entwaffnet und öffnet Türen.

Sie schafft ein Gefühl der Solidarität und bringt uns zusammen.

Sie macht die Welt ein kleines bisschen heller und wärmer.

“Freundliche Reden sind Honigseim,
süß für die Seele und heilsam für die Glieder.” (Sprüche 16,24)

Bitte, lassen wir uns von diesem rauen Ton nicht beeinflussen, eignen wir ihn uns nicht selber an! Bitte, lasst euch kein “dickes Fell” wachsen, bitte, schimpft und pöbelt und kritisiert nicht zurück! Auch und gerade dann nicht, wenn ihr im Recht seid.

Bitte, lasst uns eine Freundlichkeitsoffensive starten:

Lasst uns lächeln

und grüßen

und uns bedanken

und die Türen aufhalten

und ein Stück zur Seite rücken

und dem anderen auch mal Recht geben

und das Gute denken

und Entschuldigung sagen

und von Herzen vergeben

und eine unliebsame Aufgabe übernehmen

und eine Hand schütteln

und eine Extrameile gehen

und von unserem hohen Ross heruntersteigen.

Egal, ob wir gerade im Recht sind oder nicht.

Egal, ob uns die (politische) Einstellung unseres Gegenübers gefällt oder nicht.

Egal, ob wir unserem Gegenüber je wieder begegnen werden oder nicht (das kann man sowieso nie so genau wissen).

Freundlichkeit ist eine wirkungsvolle Form des Widerstands, davon bin ich überzeugt. Natürlich dürfen (und müssen) wir das Gute verteidigen und unseren Standpunkt vertreten. Unbedingt. Aber so weit es mir möglich ist, möchte ich das freundlich tun. Freundlich, aber bestimmt.

Auf diese Weise können wir die Welt ein bisschen besser machen, mit ganz einfachen Mitteln, die uns fast nichts kosten.

Wir können die Veränderung sein, die wir uns wünschen, und mit gutem Beispiel vorangehen.

Oder auch –fahren.

Mit dem Fahrrad, und auch mit dem Auto.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.