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Spuren

Unser Waschbecken im Bad hat einen Sprung. Einem Besucherkind ist der schwere Seifenspender (ich wollte ja keinen aus Plastik… selber schuld) ins Waschbecken gefallen… Mein Liebster kittete die Stelle mit irgendeiner Masse aus dem Baumarkt, aber mit jeder vergehenden Woche ist der Sprung wieder deutlicher zu sehen. Auch unser weißer Esstisch hat Kratzer und Dellen. Ebenso der Fußboden, besonders in der Küche – da ist mir mal eine Rotweinflasche aus dem Schrank gerutscht und in 1000 Stücke zerborsten… Auch meine Schreibtischplatte hat bessere sauberere Zeiten gesehen. Da gehen einige Flecken nicht mehr ab, so sehr ich auch schrubbe.

Eine Zeitlang hat mich das ziemlich gestört und geärgert. Ich wollte es doch so gern sauber und ordentlich und einfach „perfekt“ haben. Heil und wie neu sollten die Möbel sein.

Zu allem Überfluss bleibt auch mein Körper nicht unberührt von Raum und Zeit – immer tiefer graben sich die Falten in meine Haut… Ich kann all die Narben, Muttermale, Fältchen, Streifen, Dellen schon gar nicht mehr zählen. Jeder Tag hinterlässt Spuren. Unsichtbare und sichtbare.

 

Langsam versöhne ich mich mit diesen Spuren.

Denn all die Kratzer und Dellen und Flecken und Falten bedeuten doch vor allem eins:

Wir sind lebendig.

Wir sind Menschen aus Fleisch und Blut.

Bei uns passiert etwas:

Kinder kommen zu Besuch.

Unser Sohn hat gelernt, sein Besteck zu benutzen.

Ich habe ein Mixed-Media-Bild gestaltet.

Mein Mann hatte Geburtstag und bekam eine Flasche Wein geschenkt.

Ich habe gelacht (und auch geweint).

In meinem Bauch sind zwei Kinder gewachsen…

 

Würde ich es wirklich wollen, dass alles – auch nach vier Jahren in dieser Wohnung – noch „wie neu“ und unbenutzt aussieht? Dass mein Gesicht mit seinen bald 33 Jahren auf dieser Erde glatt und weich wäre wie ein Babypopo? Was würde das über mich, über unser Leben als Familie aussagen? Wäre das nicht ziemlich traurig, so ein perfektes, steriles, glatt gebügeltes, makelloses Dasein?

Deshalb habe ich mich entschlossen, all die Macken und Unperfektheiten anzunehmen, to embrace them – sie zu „umarmen“, wie man im Englischen so schön sagt. Sie willkommen zu heißen in meinem Leben.

Hallo, Farbe auf meinen Fingerspitzen: Ich hatte so viel Spaß beim Malen!

Hallo, Silberstreifen auf meinem Bauch: Da waren meine beiden Kinder drin!

Hallo, Sprung in der Schüssel: Die Kinder werden selbstständig!

Hallo, Delle im Fußboden: Die Party war wild!

Hallo, Kratzer auf dem Tisch: Jetzt ist die Fingerfood-Phase vorbei!

Hallo, Narbe am Knie: Auch diesen Sturz habe ich überstanden!

 

Das Leben hinterlässt Spuren.

Bei uns allen.

Und genauso hinterlassen auch wir Spuren im Leben, auf diesem Planeten, in den Seelen anderer Menschen.

Manche davon sind deutlicher zu sehen, andere ganz unscheinbar und leise.

Ein geflüstertes „Danke“.

Ein wütender Schrei.

Eine Umarmung.

Ein bunter Umschlag im Briefkasten.

Die Faust im Gesicht.

Wegschauen.

Eine Hand reichen.

„Ich liebe dich.“

Ein Berg Plastik im Meer.

Ein gepflanzter Apfelbaum im Garten…

 

Welche Spuren hinterlasse ich?

Was bleibt?

Woran werden sich die Menschen erinnern?

Was wird man bei meiner Beerdigung über mich sagen?

Und was schreibt Gott in mein Lebensbuch?

Hin und wieder stelle ich mir diese Fragen – oder sie stellen sich mir… 

Ich habe den Verlauf meiner Lebensgeschichte nicht wirklich in der Hand. Wer weiß schon, was morgen sein wird. Ob morgen sein wird… Aber wie ich das Hier und Jetzt gestalte, welchen Stempel ich meinem Alltag aufdrücke, den Gesprächen und Begegnungen und einsamen Momenten, das kann ich schon entscheiden. Immer und immer wieder neu.

Ich kann innehalten –

ist das eine Spur, die ich hinterlassen möchte?

 

Wir machen alle Fehler, werden aneinander und an diesem Planeten schuldig. Treten in Fettnäpfchen und hinterlassen in der Seele eines Menschen, der uns nahe steht,  feine (und grobe, tiefe…) Kratzer. Das sind Spuren, die wir nicht ungeschehen machen können.

Aber Gott schreibt unser Lebensbuch nicht mit einem Permanent Marker!

Vergebung ist möglich.

Ein neuer Anfang ist möglich.

Jeden Tag, jede Sekunde.

Gottes Liebesspur zieht sich durch mein ganzes Leben; jeder Moment ist von seiner Gnade wie mit Goldfäden durchwirkt. Auf Seinen Spuren will ich wandeln. Sein gutes Wirken erkennen und mich daran freuen. In meiner eigenen Biographie und in der von anderen.

 

PS: Bis morgen, 16.7. um 10 Uhr könnt ihr noch an der Verlosung (siehe vorheriger Post) teilnehmen und einen LoveLetter für Juli gewinnen!

4 Kommentare

  • Niclis

    Das hast du soooo schön geschrieben! 🌺 Im Moment habe ich meinen langen Sommerurlaub und den nutze ich immer auch für Reflexion und Neuausrichtung. Und das sind genau die Dinge, über die ich dann so nachdenke! 👍

    • rebekkasloveletter

      Danke dir, liebe Nici! Ich wünsche dir einen ganz wunderbaren Sommerurlaub mit vielen guten Gedanken und Geschenken von unserem himmlischen Vater!

  • Eveline

    Das hast du sooo wunderschön geschrieben. Mein Tag heute wird voll. Meine Kleine ist krank. Aber ich will deine Gedanken mit in den Tag nehmen und schauen, ob ich nicht trotzdem oder gerade deshalb ein paar schöne Spuren hinterlassen kann. Trotzdem alles mit einem Lächeln machen und extra geduldig sein. Nicht so auf Perfektion aus sein, sondern Beziehung bauen. Liebessamen sähen.
    Danke. Ich wünsche dir einen gesegneten und kreativen Tag!

    • rebekkasloveletter

      Liebe Eveline, vielen Dank! Ich wünsche dir einen guten Tag, dass du Gottes Liebesspuren in ihm entdeckst und von Ihm die Kraft bekommst, ebenfalls lauter Liebesspuren zu hinterlassen! <3

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